Leseprobe:

Keiner kann seine Geburt planen

von Raimund Chitwood


ISBN 978-3-930403-21-9

 


... Meine Freundin war aus dem Urlaub zurück und mein Betriebsurlaub war auch vorbei, denn ich musste wieder arbeiten. Die ersten Tage konnte ich meiner Freundin vormachen, dass nichts Wichtiges während ihres Urlaubes vorgefallen war. Das mit der Stripperin hat sie nicht er-fahren, jedoch bemerkte sie, dass ich wieder trank. Für Haschisch hatte ich jetzt nichts mehr übrig. Ich hatte meinen Alkohol, und damit war ich zufriedener als mit Haschisch oder Trips.
Doch umso zufriedener ich mit meinem Alkohol wurde, umso unzu-friedener wurden meine Mitmenschen mit mir. Ich konnte nicht verstehen, was um alles in der Welt jeder gegen mein Trinken auszusetzen hatte. Ich muss in dieser Zeit blind oder irre gewesen sein. Ich glaubte, dass mein aggressives, gemeines und unberechenbares Verhalten im betrunkenen Zustand darauf zurückzuführen war, weil jeder, mit dem ich näher in Kontakt war, wollte, dass ich weniger trinken sollte. Hätten die mich nicht in Ruhe trinken lassen können? Ich war fest davon überzeugt, ich wäre dann sicher ein anderer Mensch geworden, wenn ich in Ruhe mein Bier hätte trinken können. Was ich damals noch nicht wusste und worüber ich heute dankbar bin, ist, dass ich unter Alkoholeinfluss überall aneckte.
Ich trank schon morgens bevor ich zur Arbeit ging, woraufhin mich meine Freundin vor die Türe setzte und ich wieder zu meiner Großmutter zog, die auch nicht gerade begeistert war. Ich musste mir wieder Predigten anhören, gegen die ich längst immun war. Die Worte meiner Großmutter gingen ins eine Ohr rein und ohne Umwege sofort aus dem anderen Ohr wieder hinaus.
Von meiner Freundin bekam ich eine zweite Chance, jedoch wollte sie nicht, dass wir wieder zusammenziehen. Sie wohnte mittlerweile wieder bei ihrer Mutter und ihren vier Geschwistern. Sie hatte dort ein eigenes Zimmer. Sie blieb ab und zu über Nacht bei mir, denn ich hatte bei meiner Großmutter ein Zimmer für mich. Wenn meine Freundin nicht bei mir schlief waren ein paar Freunde von früher bei mir, und wir tranken oft bis in den frühen Morgen hinein. Das Arbeiten wurde an diesen Tagen zur Qual und deshalb machte ich öfters mal blau.
Nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis hatte ich mir vorgenommen, den anderen Facharbeitern zu zeigen wie gut ich bin. Die ersten Monate fingen zwar traumhaft an, denn ich gab mir große Mühe und deswegen lief alles so, wie ich es mir vorstellte, bis zu dem Moment als ich wieder zu trinken anfing. Jetzt machte mir das Arbeiten Probleme, die anderen Facharbeiter hatten das Sagen, denn sie waren gewissenhafter und beständiger bei der Arbeit, pünktlich waren sie auch. Ich war zwar auch pünktlich, manchmal sogar überpünktlich, wenn es ums Feierabend machen ging.
So konnte ich den anderen Facharbeitern nicht zeigen was ich alles drauf habe und deswegen behandelten mich meine Arbeitskollegen wie einen Hilfsarbeiter.
Einmal im Monat musste ich nach wie vor zu meinem Bewährungshelfer. Meine Freundin hatte mich die letzten Male immer begleitet. Sie be-richtete ihm bis auf das Kleinste über mein Fehlverhalten. Ich musste sie des öfteren daran erinnern, dass er mein Bewährungshelfer und nicht mein Rechtsanwalt sei, bei dem man auf jeden Fall die Wahrheit sagen sollte. Er konnte mich schneller ins Gefängnis zurück bringen als mir lieb war und ich hatte ja schließlich noch zwanzig Monate auf Bewährung. Meine Freundin blieb jedoch hartnäckig, denn sie vertrat die Meinung, ein Bewährungshelfer ist dazu da, um einem zu helfen....


ISBN 3-930403-21-8 (alt)
ISBN 978-3-930403-21-9

Raimund Chitwood

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