Die Wahrheit über den
Säure-Basen-Haushalt
Von Hans-Heinrich Jörgensen

 

Die Sandsteinputten am Kölner Dom verlieren ihr Gesicht, unsere Felder und Wälder siechen dahin, die Meere und Flüsse leiden unter dem sauren Regen, aber wir geben uns immer noch der Illusion hin, am Menschen würde dieses Problem einfach vorübergehen. Wir haben lange die Fähigkeit der Natur überschätzt, die aus unseren Auspufftopfen und Fabrikschloten geblasene Säure zu kompensieren. Und ebenso überschätzen wir immer noch die Fähigkeit des menschlichen Stoffwechsels, die viele Säure, die wir ihm zumuten, zu verkraften und wieder auszuscheiden.
Die Schulmedizin – was immer man darunter verstehen mag – ignoriert dieses Thema nahezu völlig. Allenfalls die Naturheilkunde nimmt sich der Problematik an. Zugegeben, manchmal zu sehr dramatisierend, manchmal auch falschen, weil überholten Theorien anhängend. Aber immerhin. Ich bin überzeugt, der Säure-Basen-Haushalt wird sich zu einem der großen Themen der Medizin in den kommenden Jahrzehnten mausern. Auch wenn kritische Diagnostik zeigt, dass der Anteil wirklich Betroffener eher bei 7 Prozent als bei 70 Prozent der Bevölkerung liegt.


Säure – eine chemische Reaktion


Aber was ist eine Säure eigentlich? Nicht der saure Geschmack der Zitrone ist gemeint, sondern die chemische Reaktion.
So richtig wissen wir das erst, seit der Däne Broenstedt uns 1923 lehrte, dass die Konzen-tration dissoziierter Wasserstoffionen den Säuregrad einer Lösung bestimmt. Keine Angst, so schrecklich chemisch das klingt, so einfach ist das: Sie kennen alle den Soziussitz hinten auf dem Motorrad. Fährt der Jüngling mit seiner Maid in den sonnigen Maienmorgen hinaus und die beiden geraten sich in die Haare, weil er etwas möchte, was sie nicht will, und er lässt sie dann am Straßenrand stehen und braust allein davon, dann ist die Sozia dissoziiert und reagiert verständlicherweise sauer. So einfach ist Chemie.

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Dieses dissoziierte Wasserstoffion, H+ schreibt man das, ist so aggressiv, dass es in unserem Blut nur in einer Konzentration vorkommt, die zwischen der homöopathischen Potenz D10 und D11 liegt. Da schmunzeln manche Naturwissenschaftler über solche homöopathischen “Verdünnungen”, wie sie es nennen, wohl wissend, das eine Abweichung von dieser dünnen Säurekonzentration von weniger als einer Zehnerpotenz absolut tödlich wäre.
Da es unhandlich ist, in Laborberichten Kommazahlen an zehnter Stelle hinter dem Komma auszuschreiben, bezieht man die Säurekonzentration nicht auf den Milliliter sondern auf den Liter, dann ist das nicht mehr die zehnte sondern die siebente Stelle hinter dem Komma, schreibt das ganze logarithmisch, also 10-7, und beschränkt sich auf die kleine hochgestellte Zahl ohne 10 und ohne Minuszeichen, und nennt das dann pH 7. Dieser geheimnisvolle Begriff ist also nur eine vereinfachte Schreibweise der Konzentration.
Im menschlichen Blut haben wir beim Gesunden den Wert pH 7,4. Schwach basisch nennen wir das, denn pH 7 gilt als Neutralpunkt, bei dem Säuren und Basen im Gleichgewicht stehen. Nun stimmt das allerdings nur für destilliertes Wasser. Jede andere Lösung, in der irgend etwas herum schwimmt, hat einen eigenen Neutralpunkt, bei dem Säuren und Basen im Verhältnis eins zu eins vorhanden sind. Für das menschliche Blut liegt dieser Wert bei pH 6,1. Und wenn Sie nun ganz neugierig sind, und den Taschenrechner fragen, wie denn 10-6,1 zu 10-7,4 steht, dann wird er Ihnen sagen, dass in der zweiten Verdünnung nur noch ein Zwanzigstel der Säure vorhanden ist.


Die Azidose –
ein lebensbedrohender Zustand


Mit anderen Worten: Der Gesunde hat in seinem Blut zwanzig mal so viel Basen schwimmen, als da Säuren sind. Das lässt erkennen, dass die Gefahr in der Tat von der Säure und nicht von der Base herrührt. Aber auch, dass der liebe Gott, oder wem immer wir die Verantwortung für den Homo sapiens in die Schuhe schieben wollen, es gut mit uns meint. Wir haben einen hohen Schutzwall gegen die Übersäuerung mit auf den Weg bekommen. Wenn wir allerdings immer wieder an diesem Schutzwall knabbern, dann wird mit der Zeit aus zwanzig zu eins nur noch neunzehn, achtzehn, siebzehn zu eins – und irgendwann bricht das System zusammen. Dann sprechen wir von der akuten Azidose, einer Notfallsituation, die mit Blaulicht auf die Intensivstation führt.
Dass uns nicht jede saure Gurke und jede Aspirintablette dort hin bringt, verhindern die zwanzigfachen Basenreserven, die eine hinzukommende Säure puffern, das heißt: an sich binden und damit ihrer Aggressivität berauben. Auch wenn sie nicht mehr akut bedrohlich ist, eine Säure bleibt eine Säure, und wenn sie nicht wieder ausgeschieden wird, hat sie eine Base vom Schutzwall abgegraben. Die Mär von der Säure, die angeblich basisch verstoffwechselt wird, gehört in das Reich der Fabel.
Vermehrte Zufuhr und verminderte Ausscheidung, das sind die beiden Ursachen, die zur Übersäuerung führen. Ganz korrekt ist dieser so gern gebrauchte Begriff allerdings nicht. Ehe es zur Übersäuerung kommt, findet eine schleichende Verminderung der Basenreserven statt. Latente Azidose oder verminderte Pufferkapazität nennen wir das.


Säure-Basen-Tabellen
sind Unsinn


Eine übermäßige Aufnahme von sauren H+-Ionen kann nur mit der Nahrung erfolgen, wozu natürlich auch Medikamente gehören. Leider sind die vielen Nahrungsmittel-Tabellen, die uns Aufschluss über den Säure-oder Basengehalt der Lebensmittel versprechen, nicht mehr wert, als in den Papierkorb geworfen zu werden. Sie gehen alle nahtlos auf eine Untersuchung von Ragnar Berg zurück, veröffentlicht in der Chemikerzeitung von 1912. Ragnar Berg hat entsprechend der damaligen – vor Broenstedt – geltenden Auffassung, Kationen seien Basen und Anionen Säuren, eine Bestimmung der wichtigsten Kationen und Anionen in Lebensmitteln gemacht. Das sagt jedoch über den Säurewert nicht das geringste aus. Die zu Grunde liegende Theorie ist falsch. Zudem sind die Untersuchungen unvollständig. Denn wenn das, was auf Ihrem Teller liegt, nicht genau die gleiche Menge Kationen wie Anionen hätte, dann würde es leuchten, qualmen, zischen oder explodieren ... Es wäre chemisch hoch reaktiv. Niemand würde mit der Gabel drin stochern.
Nur eines wissen wir sicher: Eiweiß besteht aus Aminosäuren und ist in der Tat eine der Hauptursachen für unsere Säure-Probleme. Das gilt auch für pflanzliche Eiweiße. Durch den zusätzlichen Gehalt an Phosphor-und Schwefelsäuren schlagen tierische Eiweiße, insbesondere Schweinefleisch, allerdings sehr viel mehr zu Buche.
Nun muss man dieserhalb nicht gleich zum Vegetarier werden, aber der Fleisch-, Fisch-, Milchproduktkonsum sollte sich von der heute üblichen ,,Eiweißmast” etwas mehr dem Armeleutespeisefahrplan des vergangenen Jahrhunderts annähern.
Der Zucker, im Stoffwechsel als Glucose verbrannt, wird nur dann zum Säurebildner, wenn er nicht genügend Sauerstoff für die Verbrennung zu CO2 vorfindet, also anaerob verbrannt wird. Verbrennung heißt ja, Kohlenstoff = C zu Kohlendioxid = CO2 zu verwandeln, indem zwei Sauerstoffatome angelagert werden. Und wenn der Kohlenstoff die beiden Sauerstoffatome nicht findet, dann nimmt er sie eben dort her, wo einige Reserven lagern, aus der allbekannten Verbindung H20, dem Wasser. Jedes „O“, dass aber dem Wasser entnommen wird, hinterlässt „2 H“, die dann als „H“ aggressiv sauer sind. Jedes verbrannte Kohlenstoffatom hinterlässt in einem in sich geschlossenen System mit be-grenzten Sauerstoff- und Wassermengen, wie es Mutter Erde und auch unser Körper darstellt, vier saure Moleküle. Darum sorgen wir uns weltweit um den CO2-Ausstoß, der unsere Erde unbewohnbar machen wird, wenn alle Chinesen, Afrikaner und Lateinamerikaner ebenso viel Auto fahren wollen, wie wir.


Bei Kreislaufkranken an den
Säure-Basen-Haushalt denken


In unserem Stoffwechsel ist dieses Problem den Sportmedizinern bestens bekannt. Allzu gern vergessen wir jedoch, dass jeder Geriatrie-Patient, jeder Asthmatiker, jeder Blutarme, jeder Herz- und Kreislaufkranke ständig in Sauerstoffnot lebt und sich wie ein Hochleistungssportler immer an der Obergrenze seiner physiologischen Leistungsfähigkeit bewegt, anaerob verbrennt und dabei Säure in Form von zusätzlich leistungsbegrenzender Milchsäure freisetzt. Eine Kreislaufbehandlung ohne Verbesserung des Säure-Basen--Haushaltes wird immer nur begrenzte Erfolge zeitigen.
Was für Glucose gilt, gilt allerdings ebenso für andere Kohlenwasserstoff-Verbindungen wie zum Beispiel ASS und Vitamin C. Und fraglos stellen die sogenannten “sauren Antiphlogistika”, die der Verbraucher als ,,Antirheumatika” kennt, ein erhebliches Säuerungspotenzial.
Was jeder Vegetarier weiß, dass nämlich pflanzliche Nahrung den Urin alkalisch macht, wussten schon die Ärzte im alten Arabien, in dem lange vor den Römern und Griechen eine hohe Medizinkultur herrschte. „Al kali“ heißt die Pflanzenasche. Die Römer erfanden das Rad dann noch einmal und tauften die Pflanzenasche Potassium = Pottasche, und so heißt überall in der Welt unser so lebenswichtiges Mineral Kalium.
Kalium ist im Inneren der Nerven-, Blut und Muskelzellen etwa vierzigmal höher konzentriert als draußen und hält dadurch die nervliche Stabilität, das Ruhepotenzial der Nerven aufrecht. Zu Recht kann man darum sagen “Kalium statt Valium!”. Fehlt aber im Inneren der Zellen Kalium, dann wandern statt dessen H+-Ionen hinein, also Säure.


Kalium verdrängt die Säure


Diese intrazelluläre Übersäuerung aber ist die fatalste Form. Sie wird von der Messsonde des Arztes nicht mehr erkannt, dringt doch das pH-Meter nie in die Zelle ein, sondern misst nur das Blutplasma. Und ebenso werden die Messfühler der Niere ausgetrickst, die einen zu hohen Säurestand im Blutplasma erkennen und dessen Ausscheidung einleiten sollen.
Diese Form der intrazellulären Übersäuerung wird weder diagnostiziert noch hilft sich der Körper selbst. Schon vor dem letzten Krieg haben zwei deutsche Ärzte, Dr. Warburg und Dr. Seeger, die Zellgärung für eine mögliche Krebsursache gehalten. Vielleicht hatten sie so unrecht nicht.
Geben wir nun diesen Patienten Kalium, zum Beispiel in Form des kaliumreichen Getreides, dann wandert das Kalium an seinen Platz, verdrängt die Säure, die wird wieder messbar, vor allem aber wieder von der Niere erkannt und ausgeschieden, der Urin wird sauer, und der Patient gerät in Panik, sollte er sich auf die Urinteststreifen verlassen. Sie wissen es nun besser: Die nicht auszurottende These, Getreide würde säuern, ist falsch. Getreide säuert nicht, es entsäuert. Und genau das wurde beobachtet, nur leider falsch gedeutet.


Zuviel Säure mit der Nahrung


Damit wären wir auch schon bei der anderen Quelle der Säure-Probleme, der Ausscheidung. Fest steht, dass wir uns täglich bei unserer Kostform etwa 100 mmol Säure zu viel zuführen. Die muss über die Niere wieder raus, eine andere Austrittspforte gibt es nicht. Weder die Atmung noch der Magen können unsere Säure-Basen-Bilanz verbessern, wie uns die klugen Lehrbücher der inneren Medizin vorgaukeln. Sie können zwar kurzfristig den akuten pH-Wert des Blutes verändern, nicht aber dauerhaft die Bilanz steuern.
An der Niere wirkt das Enzym Carboanhydrase fleißig am Rauswurf der Säure mit. Ohne Carboanhydrase schläft die Säureausscheidung fast vollkommen ein. Die Carboanhydrase ist wiederum zinkabhängig. Ein Zinkmangel macht sie unwirksam und den Patienten sauer. Auch gibt es eine Gruppe von Entwässerungsmitteln, die nach dem Prinzip der Carboanhydrasehemmung arbeiten. Statt Säure scheiden sie Wasser aus. Ich nenne das Teufel mit Beelzebub austreiben.


Urintests:
Keine sinnvolle Aussage


Kaliummangel, Zinkmangel, Diuretika ... alles lässt die Säure im Körper zurück. Im Urin jedenfalls taucht sie nicht auf. Drum kann auch der Urin keine sinnvolle Aussage über den Säure-Basen-Haushalt machen. Auch das haben Sie nun – wenngleich schmerzhaft – begriffen, dass die ganze Teststreifenpiekserei im Urin keinen Sinn macht. Ernsthafte Diagnostik muss immer im Blut erfolgen. Es tut mir ja leid, Ihnen so viel Liebgewordenes auf den Kopf stellen zu müssen.
Eine Ausnahme wurde schon 1902 in der Literatur beschrieben: Morgens zum Frühstück einen gestrichenen Esslöffel Natriumbikarbonat (Natron) schlucken, und dann den Urin bis in den frühen Nachmittag hinein mit Teststreifen prüfen. Der Basenschub müsste irgendwann den Urin deutlich ins alkalische hinein verändern. Tut er das nicht, ist der Patient bereits beträchtlich gestört. Das Blut nimmt den Esslöffel Base dankbar auf und gibt ihn um gar keinen Preis wieder her.


Warum nun ist die Säure so schlimm?
Was macht sie Böses?


Es war der Stuttgarter Internist Berthold Kern, der darauf hingewiesen hat, dass die roten Blutkörperchen größer sind als der Querschnitt der Haargefäße, durch die sie fließen müssen. Das geht nur, weil sie sich hütchen-- oder granatförmig verbiegen. Werden sie jedoch strukturstarr, und eben das macht die Säure, dann verlieren sie diese Fähigkeit. Die Fließeigenschaft des Blutes wird schlechter, es gelangt weniger Sauerstoff ans Ziel, die anaerobe Ver-brennung nimmt zu, es wird Milchsäure gebildet ... ein Teufelskreis, eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt.
Kern sah darin die alleinige Ursache des Herzinfarktes und des Schlaganfalles, womit er sicher weit übers Ziel hinaus schoss. Mit seiner Therapie, allein basische Salze zu geben, hatte er aber immerhin beachtliche Erfolge.
Strukturstarre, also fehlende Elastizität, ist für kollagenes Bindegewebe fatal. Bandscheiben, Gelenkknorpel und -kapseln, Sehnen, Bänder, Muskelhüllen, Herzklappen und vieles mehr ist solch kollagenes Bindegewebe. Verliert es seine Elastizität wird es spröde und brüchig und beginnt zu schleißen. Bandscheibenschäden und Arthrosen sind die Folge. Arthrosen entstehen zudem aus einem Missverhältnis zwischen Knorpelanbau und Knorpelabbau. Der Abbau aber wird durch ein saures Milieu beschleunigt.


Antirheumatika keine Lösung


Und was passiert, wenn ein hüftarthrotischer Patient mit schmerzerfüllter Miene zum Orthopäden humpelt? Mit großer Wahrscheinlichkeit bekommt er ein Antirheumatikum, also ein saures Antiphlogistikum verordnet. Für die kurzzeitige Linderung der Schmerzen und den Entzündungsabbau zahlt er einen hohen Preis, nämlich die Verschlechterung seiner Knorpelstruktur.
Jede Hausfrau, die samstags die hässlichen Kalkflecken der Wasserspritzer von den Armaturen ihres Badezimmers entfernt, weiß, das Säure Calcium auflöst. Genau das passiert auch in unserem Skelett. Eine dauerhaft säuernde Ernährung mobilisiert Calcium aus den Knochen, weil nämlich das daran hängende Phosphat zum Puffern der Säure benötigt wird. Die Osteoporose ist also nicht nur eine Calciummangelkrankheit, sondern auch ein Übersäuerungsproblem. Nicht zu vergessen ist der Bewegungs- und Sonnenlichtmangel. Hinter diesen Ursachen der Osteoporose schrumpft der angebliche Östrogen-Mangel der Wechseljahre zur Bedeutungslosigkeit.
Sodbrennen und saures Aufstoßen künden vom verzweifelten Versuch des Blutes, wenigstens vorübergehend etwas Säure im Magen zwischen zu lagern, um dabei ein paar Basen für die notwendige Arbeit der Bauchspeicheldrüse zu gewinnen. Wenn schließlich der Magen anazid wird, also keine Magensäure mehr bildet, ist das nur ein Zeichen für die totale Erschöpfung jener Zellen in der Magenwand, die hierfür zuständig sind. Auch dieser Patient ist im Blut und Gewebe übersäuert.

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Kann er die Säure weder in den Magen abschieben noch über die Niere ausscheiden, schiebt sein Blut den Feind ins kollagene Bindegewebe ab, das große Pufferkapazitäten aufweist. Schließlich aber wird es spröde und brüchig. Es kann fast als Gesetzmäßigkeit in der Vorgeschichte der Patienten gelten: Hyperazidität des Magens, Anazidität und schließlich kommt der Bandscheibenschaden.
Völlig offen bleibt die Frage, wie die zigtausend in unserem Stoffwechsel aktiven Enzyme auf schleichende Veränderungen des pH-Wertes in ihrer Umgebung reagieren. Viele der noch unerklärbaren Befindlichkeitsstörungen, die sich in kein lehrbuchgemäßes Bild der inneren Medizin pressen lassen, könnten hier ihre Erklärung finden.
Wie stellt man nun eine Übersäuerung, richtigerweise eine Minderung der Pufferbasen oder ihrer Kapazität, fest? Das bleibt Sache des Arztes.
Mit Teststreifen für den Urin ist es nicht getan, wie Sie gesehen haben. Eine ernsthafte Diagnostik des Säure-Basen-Haushaltes muss immer im Blut erfolgen. Auch hier stellt sich nicht die Frage nach dem pH-Wert, sondern nach der Fähigkeit des Blutes, den pH-Wert in der Norm zu halten, also nach der Pufferkapazität. Das ist mit dem teuren Blutgasautomaten auf der Intensivstation möglich, oder mit einem einfachen Titrationsverfahren, an dessen Entwicklung ich beteiligt sein durfte.
Zum Schluss ein Wort zur Therapie. Ungezählte Entsäuerungssalze sind am Markt. Die meisten verwenden das preiswerte und leicht zu verarbeitende Natriumbikarbonat. Damit kann man zwar kurzzeitig puffern, also die Säure an das Bikarbonat binden und seiner Aggressivität berauben. Aber sie ist immer noch da und muss ausgeschieden werden. Die Säure nimmt in diesem Molekül nun den Platz des Natriums ein, das wiederum freigesetzt wird und zumindest für Kreislaufpatienten nicht gerade der Weisheit letzter Schluss ist.


Puffersubstanzen alleine
genügen nicht


Zu einer wirksamen Therapie gehört mehr als nur Puffersubstanzen, nämlich die Ausscheidung der überschüssigen Säure. Dazu ist Zink erforderlich. Denken Sie an die Carboanhydrase der Niere. Um die intrazellulär versteckte Säure überhaupt erst freizusetzen und der Niere erkennbar zu machen, ist Kalium erforderlich. Und um die Milchsäure der anaeroben Verbrennung aus ihrer Stoffwechselsackgasse zu befreien und wieder zu Glucose zu verstoffwechseln, braucht es das Spurenelement Mangan. Puffernde Phosphate, Kalium, Zink und Mangan, dies ist alles in einem Mineralstoffpräparat enthalten, das vor fast dreißig Jahren aus einer Rezeptur und meiner Praxiserfahrung entstanden ist.
Das wichtigste aber sind nicht irgendwelche Pülverchen oder Tabletten, sondern die Beseitigung der eigentlichen Ursache, die den Säure-Basen-Haushalt aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Abstellen von Erkrankungen oder Stoffwechselstörungen, Änderung der Essgewohnheiten, Überdenken anderer Medikationen – all’ das ist um etliches wichtiger, als die Tablette, die immer nur die Notlösung sein kann, mit der das in den Brunnen gefallene Kind gerettet wird

Kontakt:

Hans-Heinrich Jörgensen
Moorbeker Str. 35
26197 Großenkneten
E-Mail: bio@nam.de

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Copyright 2000 – 2007 Dieter Schmitt

Ein Artikel aus dem Lichtstrahl-Magazin